Hauptschule Sophienstrasse

Hauptschule Sophienstraße - Braunschweig


Bericht der dpa über die Sophie


Hauptschule Sophienstraße sucht ihren Weg

Von Anita Pöhlig, dpa
dpa



Braunschweig (dpa/lni) - Auf dem Schreibtisch von Wolfgang Pein türmen sich die Papiere, auf einem Schrank reihen sich Laptops, auf einem anderen Aktenordner. Pein leitet die Hauptschule Sophienstraße in Braunschweig. «Ich bin Manager, Sozialarbeiter, Psychologe und Pädagoge - die Aufgaben eines Schulleiters haben enorm zugenommen», sagt der 62-Jährige. Die Lebenswirklichkeit der Hauptschüler hat sich seiner Meinung nach dabei noch stärker geändert. «Um die Schüler da abholen zu können, wo sie stehen, muss Hauptschule noch ganz anders werden», fordert Pein.

Der 120 Jahre alte Backsteinbau der «Sophie», wie die Schule liebevoll von Lehrern und Schülern genannt wird, liegt mitten in Braunschweig. Zu den ehemaligen Schülern gehören der frühere niedersächsische Innenminister Otto Bennemann (1903-2003) und der Rap-Sänger Cappuccino. Von den heute rund 350 Schülern kommen 71 Prozent aus Familien, die Hartz IV beziehen. Bei mehr als der Hälfte liegen die Familien-Wurzeln im Ausland. Der Schule mit 18 Klassen stehen 24 volle Lehrer-Stellen zu. Die sind aufgeteilt auf 30 Pädagogen.

Vanessa Schünemann lehrt erst seit einem Jahr an der «Sophie». Nach dem Studium war die 29-Jährige eineinhalb Jahre an einer Grundschule, dann bekam sie ihre jetzige Stelle. «Der Unterschied zur Grundschule ist riesengroß», sagt sie. «Die Schüler kennen teils nicht die Namen von Obstsorten.» Ihr 61 Jahre alter Kollege Rainer Langrock fragt sich: «Warum auch? Mit Hartz IV kann man sich kein Obst leisten.» Ganz zu schweigen von Museumsbesuchen oder Musikkursen.

Als Langrock vor 37 Jahren seine erste Stelle antrat, da hieß die Schulform noch Volksschule: «Die Klassen waren homogener und die Lehrer in erster Linie Wissensvermittler», erinnert sich der Physiklehrer. «Heute müssen wir den Schülern Mama, Papa, großer Bruder, Vertrauter und Lehrer sein», stellt er ohne zu klagen fest. Stolz erzählt er von Schülern, die im Schulsanitätsdienst aktiv waren und nun als Rettungssanitäter arbeiten. Rektor Pein fügt hinzu: «Wir können nicht jedem helfen. Aber bei jedem, dem wir helfen konnten, war es das wert.»

Ursache für die Konzentration von Schülern mit Problemen, da sind sich die drei Pädagogen einig, ist das dreigliedrige Schulsystem. «Das ist komplett veraltet», schimpft Langrock. Der «freie Elternwille», der unabhängig von Lehrer-Empfehlungen Eltern die Schulwahl überlässt, und die Abschaffung der Orientierungsstufe hätten das Problem verschärft.

Schon jetzt hat sich an Hauptschulen, die schon mal abfällig als Restschulen bezeichnet werden, viel geändert. Soweit es finanzielle und personelle Ressourcen zulassen, versucht auch das Kollegium der Sophienstraße neben dem Lehrplan mit Projekten auf die Schüler einzugehen. Kurse in Yoga, Karate oder Trommeln sollen die soziale Kompetenz fördern. Eine Schülerfirma bietet an vier Tagen pro Woche warmes Mittagessen und in einem sogenannten Trainingsraum werden Störenfriede zur Reflexion über sich selbst angehalten.

Möglich macht dies die 2007 eingeführte «eigenverantwortliche Schule». 6000 Euro bekommt etwa die «Sophie» pro Schuljahr vom Land für pädagogische Projekte, dazu gehört auch die Fortbildung der Lehrer. Weitere 7000 Euro kommen von der Stadt für Computer, Kreide, Schwämme, Papier, Druckkosten und andere Sachmittel. «Außerdem sind wir aufgefordert, Sponsoren zu gewinnen», berichtet Pein. Ein Unterfangen, das für Hauptschulen schwieriger als für Gymnasien sei.

Für Pein geht die Selbstverwaltung noch lange nicht weit genug. Nach seiner Traum-Schule gefragt, sagt er sofort: «Es gibt keinen Lehrplan, alle Lehrziele fallen bei Praxis-Kursen nebenbei ab, die Vermittlung eines positiven Lebensgefühls steht im Vordergrund.»

 

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Dieser Artikel wurde der Hauptschule Sophienstraße Braunschweig freundlicherweise von der dpa für die Veröffentlichung auf dieser Homepage zur Verfügung gestellt.